„Bis heute Abend, Schatz!“ und „Wumms!“ knallt die Tür zu. „Ja, bis dann..“, murmele ich in mein Kopfkissen. Jetzt ist sowieso niemand mehr da, der mich hören könnte. Meine Mutter ist Assistenzärztin in einer Klinik in Wuppertal. Dort behandelt sie Leute mit psychischen Krankheiten und seit meine Ur-Großmutter, also ihre Oma, irgendwann mal nicht so gut drauf war, nimmt sie ihren Job auf einmal besonders ernst. Morgens ist sie weg, bevor ich mich überhaupt gerührt habe und abends kommt sie dann um Neun, manchmal auch halb Zehn wieder nach Hause- Rechtzeitig, um noch was von der Mahlzeit zu bekommen, die ich ihr warmgehalten hab. Dann kommen zwei bis drei Sätze zu meinen Schulleistungen, manchmal noch einer zu meinem Vater und dann ist sie auch schon wieder in ihrem Schlafzimmer verschwunden. „Wumms!“, macht es dann wieder. Einen Vater, Mark, hab ich also auch. Naja, logisch, wenn man es mal so sieht. Er ist Geschäftsführer einer Firma, die verschiedene Autoanhänger herstellt. Auf Wunsch sogar auch individuell angefertigte, wenn der Kunde genug Geld hat. Kein Wunder also, dass es uns daran schon mal nicht mangelte.
Mark hat sich allerdings vor einem Jahr aus dem Staub gemacht. Er fand es auch nicht so super, dass Isabell, so heißt meine Mutter, eigentlich nur für die Nacht nach Hause kam. Er hat oft versucht, ihr klar zu machen, dass wir genug Geld hätten und sie sich nicht so aufopfern bräuchte, aber naja. Jetzt ist er weg und jetzt haben wir nicht mehr so viel Geld. Ein Grund mehr für meine Mutter, weiter so hart zu arbeiten. Einmal im Monat kriegen wir auch noch Geld von Papa, um über die Runden zu kommen, wie er sagt. Isabell tut immer so, als sei es eine Beleidigung. „Den brauchen wir nicht“, sagt sie immer, aber dann nimmt sie es doch. „Was soll´s…“, murmele ich in die Dunkelheit. Ich gucke auf die Uhr und stöhne. Viertel vor Fünf. Mein Wecker wird erst in einer Stunde klingeln. Naja, was tun manche Leute nicht alles für ihren Job. Ich stehe trotzdem auf. Weiterschlafen lohnt sich nicht, dann bin ich nachher nur noch müder. Außerdem brauche ich so meine Zeit morgens. Nach einer dreiviertel Stunde hab ich geduscht, mich angezogen und fertig gemacht und schlurfe die Treppe runter. Mein Zimmer ist das einzige im Obergeschoss, zusammen mit einem kleinen Badezimmer und einer nicht ganz so kleinen Abstellkammer.
Als ich unten bin, überspringe ich die letzten beiden Stufen, das hab ich schon immer so gemacht. In der Küche schmiere ich mir zwei Scheiben Brot für die Schule und nochmal eine für jetzt. Aber eigentlich hab ich sowieso keinen Hunger. Hab ich nie morgens. Wenn ich dann an meinem Brot herum lümmelnd am Küchentisch sitze, fällt mein Blick irgendwie immer auf die alte, quietschbunte Kuckucksuhr, die Isabell vor drei Jahren bei eBay ersteigert hat. „Tick, tick, tick, tick,…“ Mein Vater hat sich immer wieder deswegen beschwert. Was die beiden für Gemeinsamkeiten hatten, weiß ich auch nicht. „Tick, tick, tick, tick,…“ Dieses Ticken nervt aber echt. Als würde die Uhr wollen, dass ich auf die Uhrzeit gucke. Als würde sie sagen: „Hey du, sieh her, wie viel Zeit dir noch bleibt, bis du zur Schule musst.“ Haha, sehr witzig. „Halt die Klappe“, sage ich zu der Uhr.
Eigentlich bin ich gar nicht so schlecht in der Schule. Ich stehe im guten Dreierbereich und bin damit auch ganz zufrieden, nur meine Mutter nimmt, meiner Meinung nach, alles etwas zu genau, was das Thema angeht. Es kann ja nicht jeder einen Abitur-Durchschnitt von 1,2 haben, finde ich. Trotzdem soll ich mich heute mal nach jemandem erkundigen, der Mathenachhilfe gibt. Das war einer der drei Sätze von gestern Abend.
Also mit Leuten zu reden hab ich´s ja nicht so, oder die haben es eher nicht so damit mit mir zu reden. Wie soll ich denn dann jemanden finden, der mir freiwillig Nachhilfe gibt? Noch ein Blick auf die Uhr. Zehn nach Sechs, also Zeit, Herby zu füttern. Herby ist mein rot-weiß geflecktes Kaninchen.
Ich hab ihn, als ich elf war, von Papa geschenkt bekommen. Damit ich einen Freund habe, hat er gesagt. Na toll, danke Papa. Aber bis heute ist er tatsächlich mein fast einziger Freund. Ich würde zwar behaupten, dass Ingo und Marianne meine Freunde sind, aber die reden nie mit mir.
Ich mach mich auf den Weg in den Keller und nehm die Kohlrabiblätter mit, die ich gestern schon ans obere Ende der Treppe gelegt hab.
Herby ist auf jeden Fall jetzt schon 6 Jahre alt. Ich weiß gar nicht so genau, wie alt Kaninchen werden… Ich hoffe nur, er tut es noch eine Weile. „Na, Herby? Gut geschlafen?“, sage ich, als ich die Kellertür geöffnet habe. „Schau mal, ich hab dir was mitgebracht“, und leg ihm die Blätter vor die Nase. „Du findest doch bestimmt auch, dass Mama übertreibt, hab ich Recht?“ Ich beobachte ihn eine Zeit lang beim Fressen und bilde mir ein, dass er nickt.
Auf Herby kann ich halt zählen.
Als ich später wieder oben bin, fällt mir ein, dass ich ja noch die Inhaltsangabe über so einen Text schreiben muss, den wir gerade in Englisch lesen. Also krame ich meine Sachen raus, und schreibe ein paar Sätze. Ich weiß nie genau was wichtig ist und was nicht. Immer schreibe ich zu viel.
Um Sieben Uhr fängt dann Mamas dämliche Kuckucksuhr Uhr an, ihre nervig tönenden Laute von sich zu geben, was für mich, wohl oder übel, das Zeichen ist aufzubrechen.
Ich nehme also meine Sachen und gehe zur Haustür. „Wumms!“ knallt sie hinter mir zu.
Mein Schultag beginnt.
Also Mathe ist definitiv nicht mein Fach. Warum kann ich das denn einfach nicht?
Immer noch starre ich verwirrt an die Tafel, um zu verstehen, was meine Mathelehrerin da wieder einmal hingekritzelt hat.
Mein Blick schweift zur Uhr an der Wand, die mir mit hämische, Grinsen verrät, dass ich das Ganze noch weitere fünf Minuten über mich ergehen lassen muss. Mathe konnte ich noch nie. Bestimmt habe ich so eine Mathekrankheit. Genau. Dyskalkulie! Ich leide an Dyskalkulie. Vielleicht sollte ich…
„...Lisa!“, tönt es von vorne.
Ich schrecke aus meinen Gedanken auf und bemerke, dass ich die Aufgabe an der Tafel lösen soll.
„Ich, also.. ehm… Da muss man….“ Ja, was muss man da machen? „Ich glaube, ich…“
„Gut, Lisa danke, das reicht schon. Das nächste Mal, wenn wir so etwas besprechen, sollten Sie am besten nachfragen, wenn Sie etwas nicht verstehen oder vielleicht wenigstens so tun als würden Sie aufpassen.“
Na toll, wieder mal einen guten Eindruck hinterlassen. Das macht meine Note bestimmt besser...
Anscheinend muss ich mein schlaues Gesicht noch ein wenig üben. Aber eigentlich kann ich ja garnichts dafür, ich leide ja schließlich an Dyskalkulie...
Nach einer Weile klingelt es endlich und ich packe hastig meine Sachen zusammen. Ich muss nicht länger in meinem Matheklassenraum bleiben. Als ich gerade durch die Tür gehen will, höre ich schon wieder meine Lehrerin nach mir rufen: „...Frau Wehringer, würden Sie bitte stehen bleiben, wenn ich mit Ihnen rede!“
Ich drehe mich um und merke, dass mich sowohl das Ungeheuer als auch ein paar verbliebene Schüler anstarren.
„Oh, Entschuldigung, ich war in Gedanken“, murmele ich.
„Das ist nicht das erste Mal, was ist nur los mit Ihnen? Wie auch immer. Ich wollte noch kurz mit Ihnen über ihre Leistungen in meinem Unterricht sprechen...“
Oh, super, jetzt kann ich mir bestimmt etwas anhören.
„...Sie sollten sich bei einem meiner Lk-Schüler eine Nachhilfe suchen. Ich habe sogar eine Idee, welcher in Frage käme. Er heißt Timo Steinberg und ist in der Stufe über Ihnen.“
Um sie zu besänftigen, sage ich nur: „Okay, ich werde mich darum kümmern.“, und mache mich auf die Suche.
***
Die Pausenhalle ist mal wieder mega voll und vorhandene Sitzplätze werden hauptsächlich von der EF belegt. Ich stöhne. Wie soll man bei einem solchen Durcheinander zwei seiner Freunde finden?
Als ich Christina und Paul, die fast wie ein einziger Mensch zusammen stehen, nach einer Weile entdeckt habe, bahne ich mir einen Weg zu ihnen. Kaum habe ich sie begrüßt, stehen sie schon wieder dicht zusammen.
„Ihr seid grauenhaft.“, sage ich scherzhaft. Die beiden lachen nur und gehen nicht weiter darauf ein.
Wir unterhalten uns ein bisschen, als ich von der Seite nur ein leises „Hallo, wer von euch ist Timo?“ höre. Verwirrt drehe ich mich zur Seite, um zu sehen, wer nach mir gefragt hat.
Es ist ein schüchtern wirkendes Mädchen mit braunem Haar und leichten Augenrändern.
„Das wäre dann wohl ich. Was willst du von mir?“, frage ich etwas barsch.
Das Mädchen schaut mich an und stottert: „Ich... ehm, also ich bin Lisa und... ehm, meine Mathelehrerin hat gesagt, ich soll dich mal fragen, ob du mir...Nachhilfe gibst?“
Ich schaue sie eine kurze Zeit lang an und bin mir nicht sicher, ob ich zusagen soll.
Die kriegt ja kein vernünftiges Wort raus. Und wieso soll ausgerechnet ich der da Nachhilfe geben?
„...Ich würd dir natürlich auch was bezahlen... und wenn du mir das besser erklärst, versteh ich das Ganze auch besser...“
Ihre Stimme ist ein bisschen nervig, aber auszuhalten. Ich meine, immerhin kriege ich Geld dafür, und schwer finde ich Mathe ja auch nicht...
Ich sehe aus dem Augenwinkel, wie Christina Paul kurz in die Rippen stößt und sich ein Lachen verkneifen muss. Unsere Augen treffen sich und wir versuchen alle drei nicht zu grinsen. Das wäre schon etwas mies. Vor allem jetzt, da sie aufgehört hat zu reden und auf eine Antwort zu hoffen scheint.
„...Also?“
Sie hört stockend auf zu reden und schaut mich wieder an. Ich seufze und tue so, als würde ich noch etwas Zeit zum Überlegen brauchen.
„Gib mir einfach deine Nummer, dann kann ich dir schreiben, wenn ich weiß, ob ich genug Zeit dafür habe. Aber soweit ich weiß müsste das schon klappen.“, sage ich.
Sie kramt in ihrem Rucksack nach Stift und Papier und kritzelt dann schnell ihre Nummer darauf. Anschließend gibt sie mir ihre Nummer mit den Worten „Okay...gut... tschüss“, und will etwas zu eilig weg gehen, sodass sie fast über ihre eigenen Schuhe stolpert.
Als sie weg ist, prusten Christina und Paul los.
„Was ist?“, frage ich ein bisschen genervt.
„Warum gibst du der denn Nachhilfe? Die ist voll eingeschüchtert gewesen. Die lernt doch nie was, wenn du versuchst ihr Nachhilfe zu geben.“, prustet Paul.
„Vorausgesetzt sie schafft es überhaupt bis zur Nachhilfe und bricht sich nicht unterwegs ihre Füße, so wie die gestolpert ist“, meint Christina lachend.
„Ach, haltet doch die Klappe, ich krieg das schon irgendwie hin.“. werde aber von ihnen angesteckt. „ Geld ist Geld.“, meine ich schließlich und nehme meinen Rucksack als es klingelt. „Bis später dann!“
***
Man, war das peinlich. Jetzt kann sich meine Mutter nicht mehr beschweren, ich hab mir ja jetzt jemanden gesucht, der mir Nachhilfe gibt. Vielleicht werden meine Noten ja wirklich besser...
Ich laufe durch den Flur zu meinem Englischraum. Zum Glück habe ich heute Morgen noch schnell die Hausaufgaben gemacht. Kann ich ja gleich mal vorlesen. Oder auch nicht.
Wie auch immer, noch ein paar Stunden, und ich kann endlich nach Hause gehen.
Ich starre nun schon seit einer halben Stunde an die Fensterscheibe des Busses, während die Landschaft an mir vorbeizieht. Die ganze Zeit schon muss ich mich zwingen, nicht noch weitere 20 cm nach unten zu gucken, denn dort klebt etwas Undefinierbares an der Scheibe, von dem ich lieber nicht wissen will, was es ist.
Wie jeden Tag mache ich mir auf dem Heimweg einen Plan, von den Dingen, die ich zu Hause erledigen muss. Mal sehen, heute wären das: Essen kochen und für meine Mutter zurückstellen, anschließend die Küche säubern, Hausaufgaben machen, staubsaugen, Herby füttern und anschließend seinen Stall säubern, den Müll rausbringen und das Zimmer für meine Mutter herrichten.
Stellenweise kommen noch Sachen wie Einkaufen gehen, Badezimmer putzen oder Gartenarbeit dazu. Alles Dinge, für die meine Mutter keine Zeit hat. Da wir nicht so viel Geld haben, um uns eine Putzfrau oder einen Gärtner leisten zu können, muss ich halt ran.
Isabelle hat es gerne ordentlich. Es ist nicht so, als dass sie von mir erwartet, das Haus sauber zu halten, aber wenn ich es nicht tue, fällt es schnell auf. Für sie ist ein sauberes Haus selbstverständlich. Manchmal wünsche ich mir, dass sie…
„Nächster Halt: Möllenkotten!“, schallt eine Frauenstimme aus dem Lautsprecher über mir und reißt mich aus meinen Gedanken. Man, das passiert mir wirklich oft in letzter Zeit.
Der Bus ist bis auf einen älteren Herrn zwei Reihen hinter mir bereits leer. Als er hält, steige ich schnell aus und mache mich auf den Weg.
Von der Haltestelle ist es nicht so weit bis nach Hause. Ich laufe ein Stück die Straße entlang und drücke meine Hand an den Schalter einer Ampel. Manchmal schaffe ich es sogar schneller als der Bus zu sein, sodass er noch einmal bei Rot halten muss. Ich verkneife mir ein Grinsen, als ich sehe, dass er es schon wieder nicht schafft und überquere die Straße.
Nach weiteren 400 Metern Geradeauslaufen durchs Wohngebiet stehe ich schließlich vor unserem Haus und suche meinen Schlüssel.
Als die Haustür hinter mir zuknallt („Wumms!“), fange ich an, meinen mit der Zeit eigentlich schon verinnerlichten, weil sich meist ähnelnden Plan abzuarbeiten.
„Mum?“, rufe ich vorher trotzdem noch hoffnungsvoll ins Haus hinein. Gähnende Leere breitet sich als Antwort über mir aus. Nichts. Man kann es ja mal versuchen.
Ich gucke auf die Uhr - halb fünf.
Ich seufze und mache mich auf den Weg in die Küche. Heute gibt es Kartoffeln mit Kohlrabi. Die Kohlraben liegen bereits auf der Theke- ohne Blätter, denn die hat Herby ja schon gefressen. Geschält sind aber weder sie, noch die Kartoffeln. Ich seufze abermals und nehme die erste Kohlrabi in die Hand.
Zwei Stunden später höre ich beim Staubsaugen, wie das Telefon klingelt. Hektisch trete ich auf unseren Staubsauger und dann noch ein weiteres Mal, als er nicht reagiert. Weil er immer noch nicht aus geht, gebe ich auf und ziehe den Stecker. Dann spurte ich in den Flur und hebe den Hörer ab.
„Ja!?“ keuche ich in den Hörer und beiße mir anschließend auf die Zunge. Das fängt ja gut an, da bekommt er sofort einen besseren Eindruck.
„Lisa, bist du das? Was ist los?“ Erleichtert seufze ich auf. Es ist doch nicht Timo. „Nein, nein mir geht’s gut, Dad. Wie läuft die Firma?“ „Wir kommen super voran. Den neuen TurboSpeed 8150 haben wir jetzt in China auf den Markt gebracht!“
„Super, Dad! Kommst du die nächste Woche nochmal vorbei?“, frage ich vorsichtig.
Ich höre, wie Mark am anderen Ende der Leitung tief Luft holt.
„…Tut mir leid, Maus, aber ich bin noch in Peking. Ich werde wohl frühestens in einem Monat kommen können. Aber Steve kommt morgen vorbei und bringt ein kleines Geschenk mit.“ „Oh, okay super“, sage ich und versuche mir meine Enttäuschung nicht anhören zu lassen. Was Dad mit einem ´kleinen Geschenk´ meinte, wusste ich. Wir bekamen schließlich jeden Monat etwas Geld von ihm.
„Kann ich noch einmal kurz mit deiner Mutter sprechen? Es ist wichtig.“, fragt mein Vater, der nichts von meinem plötzlichen Stimmungswandel bemerkt zu haben scheint. „Geht nicht, Isabelle ist nicht da“, murmele ich und halte den Hörer bereits zehn Zentimeter weiter von meinem Ohr weg.
„Das war ja mal wieder klar! Ist sie immer noch arbeiten? Ach, was frage ich noch, das sieht ihr ja ähnlich! Lässt dich alleine, wie jedes Mal! Sie bekommt einfach nichts auf die Reihe. Ich habe immer wieder gesagt…“ Nach einer Weile schalte ich ab und höre nicht mehr zu. Diese Tirade kenne ich schon. Mein Vater kann ja nichts dafür. Ich finde, er hat Recht. Aber Isabelle macht es nicht mit Absicht. Irgendwie müssen wir ja an Geld kommen.
„Dad!“, rufe ich nach einer Weile dazwischen. „Dad, ich muss Schluss machen. Ich muss noch…“ (ich überlegte kurz) „..Eine Freundin kommt gleich vorbei“, lüge ich, denn sonst dauert das Gespräch noch viel länger. „Oh, das freut mich, mein Engel, wir sehen uns ja bald wieder. Dann wünsche ich dir ganz viel Spaß!“ „Danke.“, murmele ich und lege auf. Spaß kann ich wirklich gebrauchen.
Ich will gerade wieder zurück ins Wohnzimmer gehen, als das Telefon erneut klingelt.
„Lisa Wehringer?“, melde ich mich diesmal vorbereitet. „Schatz? Ich komme heute später nach Hause. Die Michaela ist krank geworden und ich habe mich bereiterklärt, spontan einzuspringen. Du brauchst also nicht warten bis ich da bin. Hast du dich wegen Mathe erkundigt?“ „Ich… Ja, ich bekomme jetzt Nachhilfe von einem aus meiner Schule.“, sage ich etwas überfordert. „ Er heißt Timo und…“ „Oh, das freut mich für dich, mein Schatz! Ich muss jetzt Schluss machen, wir sehen uns dann ja morgen. Ich hab dich lieb!“ „Ich dich...“, aber meine Mutter hat schon aufgelegt. „…auch.“, murmele ich und lege den Hörer zum zweiten Mal auf.
Beim Wohnzimmer angekommen, bleibe ich in der Tür stehen und schaue mich im Raum um. Die Lust ist mir endgültig vergangen. Ich beschließe meinen Plan für heute sausen zu lassen und stelle den Staubsauer zurück nach oben in den Abstellraum.
Wieder unten, nehme ich mir zwei Möhren aus dem Kühlschrank und mache mich auf den Weg in den Keller. Ich weiß genau, was ich jetzt brauche.
Herbys rot-weiß geflecktes Fell schaut unter seinem Häuschen hervor, als ich die Tür hinter mir schließe. „Hallo, mein Süßer! Es gibt Abendessen.“, sage ich und breche die Möhren entzwei.
Als sich nichts regt, gehe ich näher an den Stall heran. Ich schmunzle. Das ist mal wieder typisch für Herby. In letzter Zeit hat er sich ganz schön gehen lassen.
„Herby!“, rufe ich und mache Schnalzgeräusche mit meiner Zunge. „Komm, mein Junge.“ Ich knie mich hin und lege die Möhrenstücke in den Käfig. Nichts tut sich.
„Herby?“, frage ich nun etwas zögerlicher und stupse ihn an. Erschrocken zucke ich zurück. Sein Fell ist eiskalt. „Jetzt mach keinen Scheiß“, flüstere ich heiser und reiße sein Häuschen hoch.
Da lag er. Sein Fell sah ungewöhnlich stumpf aus und seine Beinchen waren in einer komischen Weise ausgestreckt. Auf einmal wirkte er sehr klein und zerbrechlich. Aber seine Augen waren auf mich gerichtet. Als hätte er auf mich gewartet. Aber ich bin zu spät gekommen. „Nein.“, flüstere ich und eine erste Träne rollt mir die Wange herunter.
*** 3 Wochen später ***
Ich liebe mein Leben! Es war noch nie schöner! Wie wunderschön so viele Dinge doch sein können.
Das hätte ich vor kurzer Zeit noch nicht gedacht... Es ist so perfekt!
Meine Mathelehrerin gibt mir lächelnd mein Heft wieder. Das überrascht mich.
Heißt das, ich habe eine gute Note? In Mathe?!
Zögernd schlage ich mein Heft auf. Auf der letzten Seite ganz unten steht die Note: Gut.
Ich grinse in mich hinein. Ich habe eine Zwei geschrieben.
Nur nach drei Wochen Nachhilfe bei Timo habe ich plötzlich solche Noten. So langsam geht mein Leben bergauf.
Es klingelt. Ich packe schnell meine Sachen zusammen und mache mich direkt auf die Suche nach Timo. Ah, da ist er!
Schnell laufe ich zu ihm und umarme ihn.
„Timo, pass auf! ...Ich hab eine Zwei in Mathe geschrieben!“, quietsche ich.
„Sehr cool!“, strahlt er mich an und drückt mich noch einmal an sich.
Ich grinse noch breiter, wenn auch jetzt aus einem anderen Grund. Plötzlich tauchen Paul und Christina neben uns auf und begrüßen mich. Sofort fangen Christina und ich an uns aufgeregt über unser letztes Wochenende zu unterhalten. Die beiden Jungs gucken uns verwundert an und wir fangen laut an zu lachen.
„Hab ich was verpasst? Ihr seid doch sonst nicht so ...ehm ...gut befreundet.“, sagt Paul.
„Ja, da bist du ein Wochenende weg und schon passiert sowas“, gibt Christina ironisch zurück.
Jetzt ist auch Timo neugierig: „Aber im Ernst, seit wann versteht ihr euch so gut?“
„Wir haben uns am Wochenende zufällig in der Stadt getroffen und sind dann spontan zusammen shoppen gewesen. Und danach waren wir feiern“, antworte ich mit einem Zwinkern.
Paul will gerade etwas sagen, als es auch schon wieder klingelt.
Ich schaue verträumt aus dem Busfenster und denke über den heutigen Tag nach. Er verlief wunderbar, und das, obwohl ich Mathe hatte. Und danach die kurze Zeit alleine mit Timo. Er ist wirklich ein ziemlich guter Nachhilfelehrer…
Bevor ich noch weiter über Timo nachdenken kann, bemerke ich gerade noch rechtzeitig, dass ich an dieser Haltestelle aussteigen muss (heute habe ich noch nicht einmal die Frauenstimme bemerkt) und beeile mich noch schnell genug aus dem Bus zu kommen.
Unterwegs vertrödele ich meine Zeit und schaue mich gemütlich um.
Heute ist ein ziemlich schöner Tag. Die Sonne scheint und keine Wolken sind am Himmel zu sehen. Sowas im späten Herbst. Unglaublich schön.
Viel zu schnell stehe ich vor unserem Haus. Ich gehe hinein und bringe meine Sachen direkt in mein Zimmer. Heute muss ich noch das Badezimmer putzen. Gerade bin ich bei den Putzmitteln angekommen, als ich höre, dass jemand im Haus ist.
Ich erstarre. Ein Einbrecher?
In diesem Moment kommt meine Mutter um die Ecke und ich lasse fast den Putzeimer fallen.
„Hallo Schätzchen, Überraschung! Ich dachte, ich mache heute mal früher Schluss!“, strahlt mich Isabelle an.
„Das ist ja noch nie passiert.“, antworte ich völlig überrascht. Was ist denn das? Meine Mutter? Schon so früh zu Hause?
„Ja, ich weiß. Ich dachte, ich ändere mal etwas daran!“, sie macht eine kurze Pause und redet dann weiter. „Ich hab auch schon gekocht, das heißt wir können gleich zusammen essen.“
Ich bin so überrascht, dass mir nicht mehr als ein „Oh“ über die Lippen kommt.
Meine Mutter lacht und nimmt mir den Eimer aus der Hand.
„Putzen können wir auch später noch“, sagt sie fröhlich und zieht mich hinter sich her zum Esstisch.
Ich habe meine Mutter schon lange nicht mehr so gut gelaunt erlebt. Auch als Mark noch da war, war sie immer genervt und etwas abgespannt.
Mein Leben ist perfekt!
Ich habe das Gefühl, als rede ich gegen eine Wand. Mittlerweile ist sie in Mathe noch weiter abgerutscht. Ich würde mich nicht wundern, wenn auch in anderen Fächern. Immer wenn sie montags und mittwochs in der Pause mit mir Mathe lernen soll, sitzt sie nur teilnahmslos auf ihrem Stuhl. Ihre Fingernägel müssten mittlerweile bis auf die Haut abgenagt sein, so wie sie daran herum knabbert. Reden tut sie so gut wie gar nicht mehr.
Meine Pausen sind verschwendet, denn in der Zeit könnte ich genauso gut in der Pausenhalle sitzen. Die ganze Sache wird mir immer unheimlicher und ich bereue es, überhaupt zugestimmt zu haben. „Achtung, sie kommt!“, warnt Christina und wie aufs Stichwort drehen wir ihr alle drei den Rücken zu.
***
„Schade Lisa, wieder eine Sechs. Ich will mich kommenden Dienstag mit deinen Eltern unterhalten und außerdem wirst du morgen ein Gespräch mit einigen Lehrern haben.“
Ich nehme meiner Mathelehrerin meine Arbeit aus der Hand, stehe auf und gehe aus der Tür. Ich bin gerade an der Treppe angekommen, als es zum Stundenende klingelt. Schülermassen strömen an mir vorbei und Gelächter füllt meine Ohren. Einige aus meinem Mathekurs rempeln mich an und rennen hämisch grinsend weiter. Ich sehe wie andere aus meiner Stufe zusammenstehen und in meine Richtung zeigen. Irgendjemand stellt mir ein Bein und ich stolpere und falle auf mein Knie.
Fast bin ich bei Timo angekommen. In dem Moment sagt Christina etwas und ruckartig dreht er sich weg. Drei Mädchen neben mir fangen lauthals an zu lachen.
„Die arme Lisa, schade..“
..Schweißgebadet wache ich auf. Mein Herz pocht und mein Knie tut weh. Ich grapsche nach dem Lichtschalter. „Nur ein Traum.“, sage ich mir. Mein Wecker zeigt an, dass es halb neun ist. Unten höre ich jemanden in der Küche hantieren. Ich dusche, ziehe mich an und knote meine nassen Haare oben auf meinem Kopf zusammen. Dann laufe ich die Treppe runter, überspringe die letzten beiden Stufen und zucke zusammen, als es schmerzhaft in meinem Knie sticht, denn dort habe ich doch tatsächlich einen fetten Bluterguss. Ich frage mich nur, woher.
Dann gehe ich in die Küche. Ein dunkelhaariger Mann mit breiten Schultern steht vor dem Herd und wendet gerade umständlich zwei Spiegeleier.
„Dad!“, entfährt es mir und dem Mann rutscht vor Schreck eines der Spiegeleier auf die Herdplatte. „Verdammt, verdammt!“, flucht der Mann leise, doch kurz darauf: „Hallo Maus, ich wusste gar nicht, dass du schon wach bist. Ich dachte, du wolltest vielleicht ausschlafen am Samstag.“ Dabei versucht er hektisch das arme Spiegelei, welches jetzt eher weniger nach einem aussieht, vom Herd zu kratzen.
„Es ist halb zehn, Dad“, schmunzele ich und falle ihm in die Arme. „Wie geht´s dir?“, fragt er. „Gut! Wie kommt es, dass du schon hier bist?“
„Mein Flieger ist vor zwei Tagen gelandet und ich bin so schnell wie möglich hergekommen. Was hab ich dich nur vermisst!“
„Ich dich auch, Dad“, seufze ich und drücke ihn noch einmal an mich.
Wir setzen uns an den Küchentisch und Mark gibt mir ein Spiegelei mit Toast.
Er selbst nimmt das Angebrannte.
„So“, meint er schließlich. „Und was machen wir heute? Du hast mir einiges zu erzählen.“ Ich grinse. Das hab ich wirklich.
***
„Wir können es uns nicht erklären. Ihre Tochter baut sehr stark ab. Ich habe mich bereits mit einigen Kollegen beraten und wir sind der Meinung, ein Schulwechsel ist unumgänglich. Im Unterricht ist sie nicht bei der Sache. Sie wirkt abwesend.
Oftmals steht sie einfach auf und verlässt mitten im Unterricht den Raum. Können sie mir das erklären? Ist bei Ihnen zu Hause in letzter Zeit vielleicht etwas vorgefallen!?“
***
Es klingelt zur ersten Pause. Ich will gerade rausgehen, als meine Lehrerin mich zurückhält: „Lisa? Kann ich kurz mit Ihnen sprechen? Keine Angst, es ist nichts Schlimmes.“
„Okay“, meine ich und gehe zu ihr rüber. „Ich wollte nur sagen, dass ich sehr zufrieden mit Ihren Leistungen in letzter Zeit bin.“, fängt sie an. „Ich sehe, wie Sie sich anstrengen und dass die Nachhilfe bei Timo Wirkung zu haben scheint.“
“Ja, so könnte man das sagen“, schmunzele ich.
“Sehr schön. Machen Sie weiter so! Das ist auch schon alles. Sie können gehen.“
„Danke“, sage ich und hüpfe aus dem Klassenraum.
Ich weiß gar nicht, was ich jemals gegen sie hatte. Im Oberstufenzentrum geselle ich mich zu Christina und warte mit ihr zusammen auf die Jungs, nach fünf Minuten wünsche ich mir, sie würden sich beeilen, denn Christina schwärmt mir bereits die Ohren von Paul voll.
Nach weiteren fünf Minuten kommen sie (endlich!) an und ich umarme Timo. „Na, wie war´s?“, flüstert er mir ins Ohr und fängt an zu lachen. „Super toll!“, strahle ich.
„Ich werde immer besser. Und das alles nur dank..“ (Ich mache eine Kunstpause) “..dir!”
“Mhmm.. Das..-“, sagt Timo, macht ebenfalls eine Kunstpause und nimmt meine Hände in seine „-..ist nicht ganz richtig, denn ich hatte ja auch eine sehr gute Schülerin.“
Ich spüre, wie mein Gesicht rot anläuft und schaue schnell auf unsere Hände. „Geht´s dir gut?“, fragt Timo erschrocken.
„Ja“, sage ich und schaue lächelnd hoch. Mir ging es noch nie besser.“ „Ding Dong!“ Es ist kurz vor zehn.
Ich sitze im Schneidersitz auf meinem Bett und starre gegen die Wand. Mir ist aufgefallen dass sie einen leichten Rose´-Ton hat. „Ding Dong!“ „Gehst du bitte an die Haustür?“ Ich höre Isabelles Stimme nur gedämpft von unten. Warum ist mir das Rose´ nicht vorher schon aufgefallen? Habe ich die Farbe ausgesucht? „Ding Dong!“
„Lisa, verdammt!“, flucht es jetzt von unten. Aber es ist nicht nur das Rose´, da ist noch was anderes… Isabelle schnauft genervt auf und stolziert Richtung Haustür. Dann zieht sie scharf die Luft ein. „Mark! Was um alles in der Welt machst du denn hier!?“
Zum Glück hat sich die Situation in meiner Schule verbessert. Auch in Englisch werden meine Noten immer besser. Und dann noch das Ganze mit Timo...
Ich erwache aus meiner kurzen Träumerei und konzentriere mich wieder auf die Tafel.
Aus dem Augenwinkel bemerke ich, dass meine Lehrerin mich ansieht. Ich schaue auf und sehe gerade noch, wie sie mir einen befremdlichen Blick zuwirft und blinzele verwirrt. Als meine Sicht wieder klar wird, ist der befremdliche Blick einem freundlichen Lächeln gewichen.
Was war das denn?
Nach weiteren fünf Minuten Stillarbeit klingelt es endlich.
***
Die Pausenhalle ist überfüllt. In einer Ecke unterhalten sie sich.
Meine Schritte führen mich in ihre Richtung. Ich komme ihnen nur langsam näher, da mir einige den Weg versperren. Gelächter an meinen Seiten.
Timo, Paul und Christina stehen mit dem Rücken zu mir und bemerken mich nicht.
Als ich bei ihnen bin stelle ich mich neben Timo und die drei verstummen augenblicklich.
Er schafft Platz zwischen uns. Christina und Paul sehen ablehnend in meine Richtung.
Was ist denn jetzt schon wieder los? Hab ich was falsch gemacht?
Ich nehme Timos Hand und versuche mich an ihn zu lehnen. Ruckartig zieht er seine Hand weg und tritt ein paar Schritte zurück. Verwundert sieht er mich an.
Hab ich was falsch gemacht?
Plötzlich fühle ich mich verunsichert und richtig schlecht. Irgendwas ist ganz und gar nicht in Ordnung... Schnell drehe ich mich um und fliehe aus der Pausenhalle.
Das kann doch nicht wahr sein... Was ist da gerade passiert?!
***
Was war denn jetzt wieder los mit dieser Lisa?
Wie kann die sich einbilden, dass irgendetwas zwischen uns läuft?! Ich hab echt keinen Bock auf solche Sachen.
Die Nachhilfe bei der werde ich aufgeben. Das bringt ihr ja sowieso nichts. Meistens kommt sie ja nicht mal. Das ist das Geld nicht wert.
***
Kurz bevor ich die Tür erreicht habe, um aus der Pausenhalle zu flüchten, hält mich jemand fest.
Ich drehe mich um. Es ist Timo.
„Was willst du, Timo?“, frage ich trotzig.
„Es tut mir wirklich leid. Christina und Paul finden es seltsam, dass wir, naja, so dicke sind. Wir kennen uns einfach noch nicht so lange. Aber ich habe mit ihnen geredet.“, sagt er und umarmt mich versöhnlich.
Dann fährt er fort: „Also, ich dachte, wir lassen die Nachhilfe ausfallen. Zumindest für heute.“
Oh Gott, nein!
„Warum?“, frage ich verwundert.
„Naja, einmal, weil ich glaube du brauchst eigentlich keine Nachhilfe mehr und naja, ich dachte wir könnten für den Anfang mal was essen gehen.“
Ich bin total überrascht. Wie soll ich reagieren?
„Hast du mich gerade um ein Date gebeten, Timo?“
Er zwinkert mir mit einem „Wenn du das so siehst“ zu, dreht sich schwungvoll um und verschwindet.
***
Ich hüpfe schnell aus dem Bus und mache mich auf den Weg nach Hause.
Ich muss mich beeilen mich umzuziehen, bevor Timo mich abholt.
Am Haus angekommen fällt mir das Auto meines Vaters in der Einfahrt auf.
Er ist ja immer noch hier. Muss er nicht mal langsam wieder zurück?
Ich gehe zur Haustür und bemerke, dass sie offen steht. Seltsam.
Von drinnen höre ich die aufgebrachten Stimmen von meiner Mutter und meinem Vater. Leise gehe ich ins Haus und versuche zu verstehen, worüber sie sich diesmal streiten.
„... so kann das nicht weiter gehen.“
„Ich weiß auch nicht mehr was ich mit ihr machen soll. Es wird alles immer schlimmer...“
Je näher ich der Küche komme, desto deutlicher verstehe ich, was sie sagen.
Reden die über mich?
„Ihre Noten werden immer schlechter, und du sagst, du wüsstest nicht, was du mit ihr machen sollst? Wie wär's mit Nachhilfe?“, ruft mein Vater ironisch.
„Sie hat ja schon eine Nachhilfe, aber das hilft nicht. Ich komme nicht mehr an sie ran. Es ist, als würde sie in ihrer eigenen Welt leben.“ Die Stimme meiner Mutter klingt verzweifelt.
Als würde ich in meiner eigene Welt leben?
„Ach und wann bekommst du das mit, wenn du doch die ganze Zeit in der Klinik bist? Hast du sie dir mal angeschaut, Isabelle? Wann hast du das letzte Mal mitbekommen, wie sie etwas isst!? Die Schulleitung hat bei mir angerufen, weil sie dich nicht erreichen konnten! Sie ist seit Tagen nicht mehr im Unterricht erschienen!“
Hä? Ich war doch fast die ganze Zeit in der Schule! Das ist nicht fair.
Ich stehe jetzt schon fast im Türrahmen und kann die Gesichter meiner Eltern erkennen. Sie sind abgespannt und beide haben dunkle Ringe unter den Augen, als hätten sie nächtelang nicht richtig geschlafen. Meine Mutter weint. „Und.. und was kann man da machen? Also vielleicht wenn wir noch eine Nachhilfe beantragen würden..?“
„Wir müssen ihr Hilfe suchen! Isabelle, unser Kind ist KRANK! Du bist Ärztin, sowas solltest du erkennen! Siehst du nicht, dass sie vollkommen durchdreht?!“ Jetzt schreit mein Vater schon fast.
Meine Mutter lehnt sich erschöpft an den Küchentresen und sackt in sich zusammen. „Das kann nicht sein, sie ist nicht krank, sie ist nicht verrückt. Das darf nicht sein…“
Ich verstehe das nicht. Was wollt ihr von mir? Was ist denn überhaupt los?
Ich bin nicht krank!
*** 4 Wochen später ***
„Mum?“, rufe ich ins Haus, als die Tür hinter mir zufällt. „Mum? Ich bin zu Hause!“ „Wer ist da? Schatz, bis du das?“, höre ich aus der Küche. „Ja, Mum, habe ich doch gerade gesagt“, antworte ich leicht verwirrt. Isabelle kocht gerade Suppe, als ich um die Ecke biege. Als sie mich hört, dreht sie sich kurz um und strahlt mich an.
„Hey, warum antwortest du mir nicht?“, bekomme ich zur Begrüßung zu hören.
Hab ich doch. „Wie war´s in der Schule?“, fragt sie mich fröhlich und summt leise vor sich hin.
„Super gut!“, seufze ich und erstarre augenblicklich. Irgendwie hört sich meine Stimme seltsam an. Meine Mutter rührt noch einmal in der Suppe, bevor sie den Herd niedriger stellt und sich zu mir umdreht.
„Ist Timo gar nicht mitgekommen? Ich dachte er wollte heute mit uns essen.“, schmollt sie, als sie bemerkt, dass er nicht dabei ist. Ich beobachte meine Mutter genauer. Schielt sie etwa? Ich habe irgendwie das Gefühl, als würde sie mich nicht direkt anschauen.
Ich öffne den Mund und setze zu einer Antwort an. „Nein, er unternimmt doch heute etwas mit seinem Vater“
Die Kuckucksuhr scheint auf einmal noch lauter zu ticken als sonst.
Es läuft mir eiskalt den Rücken herunter. Das war nicht meine Stimme. Oder sie war es doch, aber ich habe das nicht gesagt.
Langsam drehe ich mich um. Im Türrahmen stehe… ich selbst! Nein, das kann doch nicht wahr sein! Aber sie sieht genauso aus wie ich, sie hat die gleiche Stimme und sie trägt meine Anziehsachen.
„Ach, stimmt ja, das hast du mir schon erzählt, ich Dussel!“, meint meine Mutter vergnügt und macht den Herd aus. „Richtig, vier Mal insgesamt“, bestätigt mein anderes Ich und beachtet mich nicht. Kann sie mich sehen?
Meine Mutter beachtet mich auch nicht. Sie nimmt mich gar nicht wahr. Kein Wunder also, dass sie mich vorhin nicht gehört hat. Ich schaue vorsichtig an mir herunter. Nichts.
„Mum!“, schreie ich jetzt. „Mum! Was passiert hier?!“
„Ich hoffe du hast Hunger“, droht Isabelle der zweiten Lisa und schütte eine großzügige Portion Suppe in eine Schüssel. Nein, nicht irgendeine Schüssel. Meine Schüssel!
„Einen Riesenhunger!“, behauptet diese und schaut dabei in meine Richtung. Nein, sie schaut nicht nur in meine Richtung, sie sieht mich direkt an.
Sie kann mich sehen! Wie kann das sein? Ich kann mich ja nicht mal selbst sehen…
Gemütlich schlendert sie zum Tisch, setzt sich auf meinen Platz und nimmt die Schüssel entgegen.
„Na, wer lässt es sich denn hier so gut schmecken?“, ertönt eine tiefe Stimme hinter mir und lässt mich herumfahren.
„Dad!“, ruf ich erfreut, bevor ich meine Gedanken unter Kontrolle habe.
Mein anderes Ich schaut mich belustigt und überlegen an. Er kann mich nicht sehen oder hören. Natürlich nicht.
„Dad! Du bist ja schon zu Hause!“, ruft mein anderes Ich und tut überrascht.
Was ist hier nur los?!
„Ich würde doch nie ein gemeinsames Essen mit meiner Lieblingstochter verpassen“, zwinkert mein Dad und setzt sich zu ihr an den Tisch.
Sie ist nicht deine Tochter. Ich bin es.
Aber ich kann nichts anderes tun, als hilflos herumzustehen und zuzuschauen, wie ich mir selbst mein Leben stehle.
Sie lacht laut. Sie alle lachen. Wahrscheinlich hat sie gerade einen Witz erzählt. Es ist dieses falsche Lachen. Und immer wieder dieser Blick. Sie schaut zu mir rüber. Nur sie, meine Eltern sehen mich ja nicht. Sie schaut zu mir rüber, als wolle sie sich vergewissern, dass ich noch da bin. Dass ich zuschaue, wie sie mein Leben lebt. Als wolle sie sehen, wie ich leide.
Und ich leide.
Ich folge ihr. Ich bin ihr schon den ganzen Tag gefolgt. Sie waren golfen, im Pfannkuchenhaus und sie haben ihr in der Stadt alles gekauft, was sie haben wollte. Sie hat meiner Mutter beim Backen geholfen und anschließend haben sie einen Film geguckt.
Jetzt ist sie oben. In meinem Bett.
Meine Eltern sitzen im Wohnzimmer und schauen Fernsehen.
Ich stehe in der Küche und weiß immer noch nicht, was ich tun soll.
Nur eine Sache ist mir klar geworden in den vergangenen Stunden: Ich hasse sie.
Wenn sie weg ist, werde ich mein Leben wieder haben. Ich hasse sie.
Sie muss verschwinden, denn ich will keine weitere Sekunde mit ihr verbringen müssen.
Ich schaue mich um und mein Blick bleibt an einer einzigen Schublade hängen.
Auf einmal weiß ich ganz genau, was ich tun werde.
Ich beobachte sie. Sie schläft immer noch. Selbst wenn sie schläft, habe ich das Gefühl, als beobachte sie mich. Ich fühle mich schuldig. Aber ich muss es tun, rede ich mir ein.
Ich höre, wie sich meine Eltern unterhalten. Gut, sie sind beschäftigt.
Ich trete an mein Bett heran und hebe das Messer. Es muss schnell gehen und auf keinen Fall darf ich zögern.
Ich atme tief durch. Eins. Zwei. Ich lasse das Messer herunter sausen und kneife die Augen zusammen. Auf halben Weg wir meine Hand gestoppt. Jemand hält sie fest.
Panisch reiße ich die Augen auf und starre in das Gesicht meiner Doppelgängerin.
In den paar Sekunden, in denen wir uns anstarren, nehme ich mehrere Dinge gleichzeitig wahr.
Es ist still. Zu still. Ich höre meine Eltern nicht mehr reden.
Und dann höre ich Schritte. Schritte, die schon viel zu laut sind. Irgendjemand ist auf dem Weg nach oben. Aber neben der Abstellkammer und einem Badezimmer gibt es hier nur noch einen weiteren Raum.
Mein Herz pocht.
Was hatte ich mir gesagt? Nicht zögern.
Die paar Sekunden sind vorbei und wie auf Kommando fangen wir an, miteinander zu ringen.
Meine Zimmertür wird aufgestoßen und ich höre einen Schrei. Irgendjemand schlägt auf mich ein und schreit mich an.
Mit dem Messer in der Hand wehre ich mich weiter krampfhaft gegen beide Personen.
Doch dann halte ich für eine Sekunde inne, als mir etwas bewusst wird: Es wird auf MICH eingeschlagen. Und ICH werde angeschrien.
Es bleibt mir keine Zeit, mich über das, was es bedeutet zu freuen, denn in dieser einen Sekunde zieht mich jemand ruckartig an meinen Beinen zurück. Ich verliere das Gleichgewicht und kippe mitsamt Messer nach vorne.
Das letzte was ich höre, bevor mein Kopf an der Bettkante aufschlägt, ist ein Schrei.
Und ich glaube, jetzt ist es mein Schrei.
Es ist dunkel. Ich kann mich nicht bewegen, aber ich habe das Gefühl, als ob mich ein Pferd zehn Kilometer auf Asphaltboden hinter sich her geschleift hätte. Vielleicht waren es auch zwei.
Ich höre Stimmen. Und ein Piepen. Ein beständiges, regelmäßiges Piepgeräusch.
Ich öffne die Augen und werde durch ein Licht an der Decke geblendet. Als ich mich an das Licht gewöhnt habe, stelle ich fest, dass ich in einem kleinen Bett liege und durch ein paar Schläuche mit einem Monitor verbunden bin. Da kommt also das Piepen her.
Ich schaue mich um und meine Vorahnung wird bestätigt.
Ich bin in einem Krankenzimmer.
Ich versuche mich aufzusetzen, aber ich kann mich immer noch nicht bewegen.
Ich hebe meinen Kopf an und schaue an mir runter:
Meine Hände und Füße sind an dem Bettgitter festgebunden. Meine Arme und Beine sind von einigen Blutergüssen und Schrammen gekennzeichnet. Mein Bauch ist von einem dicken Verband bedeckt.
Ich weiß nicht genau was passiert ist, denn ich kann mich an fast nichts erinnern.
Doch kurz bevor ich versuche, mich krampfhaft an etwas zu erinnern, höre ich die weinerlich-brüchige Stimme meiner Mutter und die tiefe Stimme meines Vaters.
Ich halte inne. Mir wird warm ums Herz. Sie sind hier. Hier bei mir.